Maßnahmen zur Bodenbearbeitung dienen in der Regel der Ertragsstabilisierung. Für Dierk Augustin, Obstbauer aus Jork im Alten Land, ist die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit für sich betrachtet ein wichtiges Betriebsziel. Wir haben mit ihm über die Bodenpflege auf seinem Betrieb gesprochen und über seine durchaus erfolgreichen Strategien, mit außergewöhnlichen Anbaumethoden wirtschaftliche Stabilität zu erzielen.
Gartenbau-Profi: Herr Augustin, was zeichnet einen guten und fruchtbaren Boden aus?
Dierk Augustin: Die Pflanzennährstoffe – Kalzium, Kalium, Phosphor und Stickstoff sowie alle anderen Mineralstoffe und Spurenelemente - sind miteinander im Gleichgewicht. Mir geht es weniger darum, dass einzelne Nährstoffe in ausreichender Menge vorhanden sind – das Gesamtbild muss stimmen, damit die Pflanze optimal versorgt ist.
Der Boden ist – auch in tieferen Schichten – gut durchgelockert und mit einer guten Mischung aus feinen, mittleren und groben Poren durchsetzt. Er ist fein krümelig und riecht dank eines aktiven Bodenlebens angenehm erdig. Ich begreife den Boden als einen lebendigen Organismus. Das Ziel aller Formen von Bodenbearbeitung auf unserem Betrieb ist, diesen Organismus in seiner Komplexität zu erfassen und gesund zu erhalten.
Gartenbau-Profi: Welche Maßnahmen zur Bodenpflege führen Sie in Ihren Obstanlagen im Verlauf eines Jahres durch?
Dierk Augustin: Im Frühjahr beginnen wir mit einer Begehung, um herauszufinden, was der Boden in diesem Jahr braucht. Das erste Gerät ist dann der Kreiselkrümler der Firma Ladurner, an dessen Entwicklung wir auch maßgeblich mit beteiligt waren. Er reißt die Erde oberflächlich auf und arbeitet Gräser und Kräuter ein. Nach Bedarf kommt er im Verlauf des Jahres weitere ein- oder zweimal zum Einsatz - übrigens nur in einem ca. 60 cm breiten Bereich direkt um die Bäume herum. In den Fahrgassen bleibt der Bewuchs bis zur Blüte stehen und wird erst später gemulcht. Im späten Frühjahr säen wir in den freigelegten Reihen eine Mischung aus verschiedenen Pflanzen mit unterschiedlicher Durchwurzelungstiefe aus, die wir recht bald, auf jeden Fall noch vor der Blüte, abmulchen und flach in den Boden einarbeiten – das leicht zersetzbare Material aktiviert das Bodenleben. Bei jedem Einarbeiten von organischem Material spritzen wir zudem Effektive Mikroorganismen in den Boden – eine spezielle Mischung von Milchsäure- und anderen Bakterien, die ein ausgewogenes Bodenleben begünstigen.
Wenn Bodenverdichtungen festzustellen sind, kommt vorsichtig ein Untergrundhaken in etwa 50 cm Entfernung zur Baumreihe zum Einsatz. Wichtig ist: Dieser dient nur zur minimalen Vorlockerung, zur Erzeugung von feinen Haarrissen im Boden. Die eigentliche Grundbodenlockerung übernehmen dann später die Pflanzenwurzeln, denen die Arbeit durch den Untergrundhaken ein wenig erleichtert wurde.
In der Regel düngen wir Ende Mai/Anfang Juni mit organischem Dünger; nach Bedarf bringen wir kleine Mengen auch schon vorher aus. Wir setzen auf kompostierten Mist, dem wir die im biologisch-dynamischen Anbau üblichen Präparate beimengen.
Im Spätherbst wird der Boden nach Möglichkeit nochmals mit dem Kreiselkrümler vollständig von Gräsern und Kräutern befreit, um dann eine abfrierende Zwischensaat auszubringen, die den Boden über den Winter bedeckt hält. Oftmals ist der Boden im Spätjahr jedoch zu feucht für eine Bearbeitung, sodass die Sommervegetation stehenbleibt.
Nach jeder Rodung einer Anlage erneuern wir nach Bedarf die Drainagen. Und wir experimentieren damit, die Baumstümpfe zu verkohlen und wieder auf die Flächen auszubringen, denn Pflanzenkohle zeigt eine komplexe molekulare Oberflächenstruktur und unterstützt damit die Wasser- und Nährstoffregulation im Boden sowie auch den Humusaufbau.
Gartenbau-Profi: Welche Messmethoden nutzen Sie, um den Zustand des Bodens festzustellen und über anstehende Maßnahmen zu entscheiden?
Dierk Augustin: Ein Spaten und ein Fläschchen 10-15%ige Salzsäure gehören zu jeder Begehung dazu. Die Reaktion des Bodens auf die Salzsäure verrät mir, ob genug Kalk vorhanden ist. Mit dem Spaten kann ich Verdichtungen aufspüren. In regelmäßigen Abständen schicke ich Bodenproben ins Labor, um einen genauen Überblick über alle Nährstoffe und Spurenelemente zu gewinnen und zu wissen, wo ganz gezieltes Nachdüngen sinnvoll ist. Ansonsten lege ich sehr viel Wert auf die Wahrnehmung des Bodens mit allen Sinnen.
Ab einer Temperatur von etwa 6 °C beginnt der Boden zu riechen – angenehm erdig oder eben auch seltsam faulig oder gar nicht. Dann gilt es, weiter zu forschen, was dem Boden fehlt. Verdichtung, Staunässe, ein Ungleichgewicht im Microbiom können Ursachen für geruchliche Abweichungen sein. Und ich sehe die Farbe, die je nach Humusgehalt und Staunässe heller oder dunkler, gräulich oder tief dunkelbraun-schwarz ist.
Schließlich suche ich stets auch einen intuitiven Zugang zum Boden. Wenn ich einen Menschen kennen lerne, fixiere ich meine Wahrnehmung ja auch nicht auf die Hautfarbe oder die Porengröße. Ich versuche, den Menschen in seiner Persönlichkeit zu erfassen. Dasselbe tue ich mit dem Boden, der für mich auch mehr ist als die Summe seiner messbaren Eigenschaften. Ich mache gute Erfahrungen damit, Entscheidungen über Bearbeitungsmaßnahmen aus dem Bauch heraus auszuprobieren. Laborwerte sind hilfreich, haben aber bei mir nicht das letzte Wort.
Gartenbau-Profi: Ihre Anbauflächen liegen im Alten Land, nahe der Elbe, bis zu einem halben Meter unter dem Meeresspiegel – welche Besonderheiten weisen die Böden hier auf?
Dierk Augustin: Im Auenschwemmland haben wir schwere Tonböden. Sie erwärmen sich im Frühjahr nur langsam. Bei starken Niederschlägen oder auch, wenn wir intensiv zum Frostschutz beregnen müssen, bilden sich gerne Seen auf der Oberfläche. Staunässe tritt immer wieder auf. Und bei anhaltender Trockenheit bilden sich harte Krusten, die nur schwer maschinell zu bearbeiten sind. Die Schwemmlandböden sind grundsätzlich sehr nährstoffreich, doch sind die Nährstoffe aufgrund der hohen Dichte des Bodens oft nicht optimal pflanzenverfügbar.
Gartenbau-Profi: Das sind im Anbau durchaus anspruchsvolle Böden – war das Thema Bodenfruchtbarkeit also schon immer ein wichtiges Thema auf Ihrem Betrieb?
Dierk Augustin: Ich habe den Obstbaubetrieb von meinen Eltern übernommen und zunächst konventionell bewirtschaftet. 1990 haben wir auf biologische Landwirtschaft umgestellt, seit 2000 sind wir Mitglied im Demeter-Verband. Das Thema Boden hat mich seit jeher fasziniert, im Lauf der Jahrzehnte, in der Beschäftigung mit den verschiedenen Anbaumethoden ist die Bodenfruchtbarkeit immer mehr zu meiner Passion, zu einem Lebensthema geworden.
Ein Schlüsselerlebnis war die Begegnung mit Alex Podolinsky, einem Demeter-Berater, den ich auf einer Australienreise 2010 kennenlernte. Er besuchte mich im Jahr darauf auf meinem Betrieb und fällte über meine Böden ein ziemlich niederschmetterndes Urteil – und das, obwohl ich mich doch schon seit vielen Jahren um eine gute Pflege meiner Böden bemühte! Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen, und seither kombiniere ich die Maßnahmen, die ich aus der konventionellen, der organisch-biologischen und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft kenne, mit den Erkenntnissen der regenerativen Landwirtschaft, die sich vorrangig mit der Optimierung des Bodenlebens, z.B. durch vielfältige Bepflanzung, beschäftigt. Dies war für mich ein Quantensprung, und gleichzeitig stellte ich fest: Die Gesunderhaltung des Bodens und das Lernen darüber, wie das am besten funktioniert, hören so bald nicht auf.
Gartenbau-Profi: Welche Veränderungen können Sie in Ihren Boden feststellen, nachdem Sie bereits seit vielen Jahren ein breites Spektrum an Methoden zur Bodenverbesserung anwenden?
Dierk Augustin: Der tonige Boden bleibt in seiner Körnung und in seinen grundlegenden Eigenschaften erhalten – und doch: Bei starken Niederschlägen bilden sich heute kaum noch Seen auf den Flächen – der Wasserhaushalt ist viel anpassungsfähiger geworden. Ich führe das auf den gewachsenen Anteil grober Poren zurück, und auf den Humus, der als Wasser- und Nährstoff-Puffer fungiert. Die Zeitfenster, in denen sich der schwere Boden gut bearbeiten lässt, sind nicht größer geworden – und doch ist die Bearbeitung leichter. Die Krusten sind bei Trockenheit weniger hart und lassen sich maschinell leichter aufbrechen. Im Frühjahr erwärmt sich der Boden schneller und gleichmäßiger. Die Farbe ist dunkler geworden, und der Geruch erfreulicher. Nematoden und andere bodenbürtige Schaderreger sind nicht verschwunden, aber durch die Einbettung in ein vielfältiges und ausgewogenes Bodenleben sind sie weniger aggressiv. Insgesamt schein mir, die Böden sind verlässlicher und berechenbarer geworden.
Gartenbau-Profi: Wie wirkt sich ein gesund gepflegter Boden auf Qualität und Ertrag der Äpfel aus?
Dierk Augustin: Mit durchschnittlich 35 t/ha liegen unsere Erträge weiterhin im normalen Bereich für den Bio-Obstbau. Und was die Qualität betrifft: Sie ist anders – auf eine Art, die mit den vom Einzelhandel festgelegten Kriterien kaum erfasst wird. Die Äpfel sind fester, sie bestehen aus kleineren Zellen, die einen geringeren Wassergehalt aufweisen. Das hat zur Folge, dass die in Rezeptbüchern angegebenen Koch- und Backzeiten für unsere Äpfel meist zu kurz sind. Und die Konzentration an Spurenelementen ist höher im Vergleich zu den meisten Äpfeln aus anderen Anbauverfahren.
Gartenbau-Profi: Wie lassen sich ihre Aktivitäten zur Bodenverbesserung betriebswirtschaftlich einordnen?
Dierk Augustin: Die genannten Maßnahmen generieren zunächst einen immensen finanziellen und arbeitstechnischen Mehraufwand, der durchaus messbare positive Effekte auf den Betrieb hat – wir haben weniger Kosten im Pflanzenschutz, weil der gesunde Boden die Gesundheit der Bäume fördert. Und die maschinelle Tiefenlockerung des Bodens braucht weniger Energie, weil Pflanzenwurzeln hier einen Teil der Arbeit übernehmen. Und doch ist der Mehraufwand mit den gängigen Marktpreisen nicht auszugleichen.
Wir vermarkten 100 % unserer Ernte über die Bioobst-Augustin GmbH, die von neun weiteren Demeter-Obsthöfen hier im Alten Land beliefert wird. Wir alle beschäftigen uns kreativ mit dem Thema Bodenfruchtbarkeit, halten gemeinsame Standards ein und sind in beständigem Austausch über unsere Erkenntnisse. Wir verkaufen ausschließlich unter unserem Namen an den Naturkosthandel. So haben wir die Möglichkeit, den Wert unserer sehr eigenen Anbaumethode zu kommunizieren und über die Verkaufspreise die Mehrkosten für die Bodenpflege ein stückweit zurückzubekommen. So erweist sich unser Betrieb wie auch alle anderen Beteiligten an der Vermarktungs-KG betriebswirtschaftlich gesehen als langfristig sehr stabil.
Das entscheidende ist für mich: Der Mehrwert unserer Äpfel liegt nicht primär in ihren ungewöhnlichen Qualitätsmerkmalen. Er liegt im gesamtgesellschaftlichen Nutzen der regenerativen Landwirtschaft. Von einem Boden mit einem verbesserten Wasserhaushalt profitiere ich nicht nur ich im Anbau – langfristig profitiert eine ganze Region, wenn sie die zunehmenden Wechsel von Dürre und Starkregen besser ausgleichen kann. Und die Steigerung des Humusanteils im Boden ist eine Möglichkeit, gezielt CO2 zu binden und so dem Klimawandel entgegen zu wirken: Die Steigerung des Humusanteils im Boden um 1 % bindet rund 50 t CO2/ha.
In der Kommunikation mit unseren Kunden arbeiten wir an einer möglichst transparenten Darstellung aller Kosten und Nutzen, die mit dem Kauf unserer Äpfel verbunden sind.
Was momentan noch wie ferne Zukunftsmusik klingt, rückt für uns in greifbare Nähe: Wir sind in Verhandlung mit einem Autohersteller, der ein CO2-neutrales Modell plant. CO2, das sich nicht innerhalb der Herstellungskette neutralisieren lässt, soll durch Humusaufbau auf landwirtschaftlichen Flächen kompensiert werden – ein finanzieller Ausgleich erfolgt über eine zwischengeschaltete Firma vom Autohersteller an die beteiligten Landwirte.
Wenn ich über den Tellerrand der wirtschaftlichen Situation des Obsthofes Augustin als Einzelbetrieb hinausschaue, lande ich beim „True Cost Acounting“ - also dem Versuch, die Gesamtkosten einer Lebensmittelproduktion zu erfassen, einschließlich aller indirekten Kosten, die bis dato automatisch auf die Allgemeinheit umgelegt werden: Einfluss aufs globale Klima, auf die Artenvielfalt, auf die Zusammensetzung von Nährsalzen im Boden. Die in Hamburg ansässige und global tätige Firma Soil & More erstellt entsprechende Berechnungsmodelle. Für uns sind diese bislang nur ein interessantes Puzzleteil in der Kommunikation mit unseren Kunden gedacht – langfristig jedoch könnte ein True Cost Acounting weltweit und auch hierzulande stärkeren Einfluss darauf haben, welche Formen der Landbewirtschaftung sinnvoll und finanziell tragfähig bleiben.
Gartenbau-Profi: Die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit ist auf Ihrem Betrieb ein zentrales Anliegen. Welche Informationsquellen nutzen Sie, um Ihr diesbezügliches Wissen zu erweitern?
Dierk Augustin: Das Buch „Regenerative Landwirtschaft“ von Dietmar Näser hat mir als Standardwerk für alle Formen der Landnutzung gute Dienste geleistet. Was die speziellen Anforderungen im Obstbau angeht, habe ich das meiste durch eigenes Ausprobieren herausgefunden. Wir zehn Betriebsleiter der Augustin Vermarktungs-KG treffen uns regelmäßig und tauschen unsere Erfahrungen aus, was die Gewinnung neuer Erkenntnisse gut vorantreibt. Darüber hinaus sind es einzelne Personen, auf alle Kontinente verteilt, die sich in ähnlicher Intensität wie wir mit dieser Thematik auseinandersetzen. Hierzulande werde ich zunehmend beratend tätig und arbeite mit dem Landwirtschaftsministerium, mit Universitäten und Stiftungen zusammen. Welche Aspekte der regenerativen Landwirtschaft können in Ausbildungsinhalte oder Anbaurichtlinien Einzug halten? Welche konkreten Schritte sind für einzelne Betriebe zu empfehlen? Zu Fragen wie diesen biete ich auf Anfrage Beratungen, Vorträge und Workshops an.
Gartenbau-Profi: Welche Entwicklungen sehen Sie für die Zukunft – auf Ihrem Betrieb und im Obstbau allgemein?
Dierk Augustin: Um unseren Betrieb mache ich mir wenig Sorgen – unsere Tochter ist in der Geschäftsführung der Vermarktungs-KG tätig; für den Obstbau haben wir einen familien-externen Nachfolger gefunden, der bereits heute in Form einer GbR an Bord ist. Anbau und Vermarktung sind in meinen Augen sehr stabil, nachhaltig und krisensicher. Und was die Branche allgemein angeht: Das Höfesterben ist ja real zu beobachten – jeder Hof, der aufgibt, ist ein persönlicher Verlust und auch ein gesellschaftlicher Verlust, weil Arbeitsplätze und landschaftliche Vielfalt weniger werden.
Aus meiner Sicht lässt sich der Trend nur aufhalten, wenn zwischen Landwirten und Konsumenten wieder ein wirklicher Kontakt entsteht. Das, was die Landwirtschaft leistet – an Erntemengen und an gesamtgesellschaftlichem Zusatznutzen – muss besser abgestimmt sein auf die Bedürfnisse der Gesellschaft. Es genügt nicht, wenn wir Landwirte bezüglich Nachhaltigkeit gesetzliche Vorgaben einhalten. Wir - und damit meine ich Landwirte, Verbraucher, Politiker und mediale Berichterstatter gleichermaßen - müssen auf einer tieferen Ebene verstehen, wie in der Lebensmittelproduktion ein nachhaltiges Gleichgewicht mit der Natur möglich ist. Ich glaube, dass wir Landwirte langfristig nur im Dialog mit der Natur, mit Verbrauchern und Politikern die emotionale und monetäre Wertschätzung bekommen, die uns und auch unsere Nachfolger zum Weitermachen motiviert.
Das Gespräch führte Katja Brudermann