Das Positive nicht aus den Augen verlieren

MODERN

Thomas Kühlwetter

Nach über zwei Jahren mit der Pandemie und fast zweieinhalb Monaten Krieg in der Ukraine fehlen manchmal die Worte, um die eigene Stimmungslage oder das, was in der Welt gerade vorgeht, zu beschreiben. Es fesselt die Gedanken, stimmt betroffen, macht traurig.

Corona scheint zumindest im öffentlichen Leben eine (vorrübergehende) Pause einzulegen, was im Herbst kommt, weiß niemand. Wir werden lernen müssen, mit der Pandemie zu leben, die möglichen Einschnitte im Alltag als gegeben und unvermeidbar zu erachten und uns so gut es geht vor dem Virus schützen und mit ihm zu arrangieren – eine Alternative dazu gibt es nicht.

Doch noch bevor der Schrecken der Pandemie vorüber ist, ergreift ein anderes Thema mit vielleicht noch wesentlich tiefgreifenderer Dimension das Weltgeschehen – für viele Menschen lange unvorstellbar, ist es zur traurigen Realität geworden, kostet tausende Menschen das Leben, treibt Millionen  von Menschen in die Flucht und beraubt sie ihrer Heimat. Die einzelnen Schicksale sind oft unbeschreibbar und die Diplomatie scheint ausgehebelt – eine absolut fatale Situation, aus der ein für manche Beteiligten gesichtswahrender Lösungsweg kaum möglich erscheint. Und das alles im Jahr 2022, einer Zeit, in der die Menschen über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz oder Klimawandel reden. Ist das das Bild einer zivilisierten Gesellschaft?

Auf der anderen Seite des Kriegsgeschehens vollzieht sich ein wahrer Machtkampf um Ressourcen: Energie, seltene Erden, Metalle oder z.B. Dünger sind gefragter denn je. Aber auch landwirtschaftliche Rohstoffe sind knapp, der Verteilungskampf ist längst in vollem Gange. Wer unter dieser Situation leiden muss, zeigt sich Tag für Tag. Am Ende sind es aber besonders diejenigen, die am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala sind. Und wenn es tatsächlich um die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln geht, werden dies wieder einmal Menschen in der sogenannten 3. Welt (der Begriff als solches ist schon diffamierend) sein.

Zurück zum Gartenbau und den Erzeugerbetrieben: Die Abhängigkeit von einigen Ressourcen wie Energie oder Düngemitteln macht sich dort besonders stark bemerkbar. Sie führt sehr häufig zu Umstellungen oder Veränderungen in der Produktion. Weil die Energiekosten enorm gestiegen und ähnlich wie zahlreiche weitere Produktionsfaktoren kaum noch kalkulierbar sind, stehen Gewächshäuser leer oder Kulturverfahren werden geändert. Manche Betriebsmittel sind schlichtweg nicht lieferbar – ein Zustand, den „man eigentlich nicht kennt“ – und Alternativen müssen gesucht werden. Kreativität und Spontanität sind immer häufiger gefragt. Arbeitskräfte, insbesondere Fachkräfte, werden überall gesucht und die Löhne steigen, im unteren Bereich durch die Einführung von 12,00 € Stundenlohn ab 1. Oktober in einem großen Schritt.

Wie soll das alles in Zukunft funktionieren, wenn es jetzt schon oftmals wirtschaftlich äußerst knapp ist, fragen sich viele Betriebsleiter berechtigt. Wie teuer müssen Produkte noch werden, um nicht nur kostendeckend, sondern gewinnbringend  wirtschaften zu können, denn schließlich sind zur Sicherung der betrieblichen Zukunft Investitionen unvermeidbar und fürs Leben sollte auch etwas übrig bleiben.

Schon jetzt hat die Inflation mit über 7 % im Vergleich zum Vorjahr ein Niveau erreicht, das zuletzt vor 40 Jahren vorlag. Können die zwingend erforderlichen Preissteigerungen beim Handel, der in einem starken Wettbewerb steckt, durchgesetzt werden und wie werden die Kunden reagieren. Bleiben einige  Obst- und Gemüseprodukte möglicherweise in den Regalen liegen, weil sie zu teuer für manche Kunden sind oder diese ihr Geld lieber für andere Konsumgüter, für Urlaub, Wohnung  oder Auto ausgeben? Wie werden wir im Wettbewerb mit Importprodukten weiter bestehen können, wenn auch in diesen Ländern die Vorzeichen in gleicher Richtung stehen? Welchen Stellenwert werden regionale Produkte genießen?

Alle diese Fragen sind sicher berechtigt und müssen gestellt werden. Doch – oder gerade weil viele Faktoren gegenwärtig Fragen aufwerfen – sind wir letztendlich alle Unternehmer, die schon mehrfach ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt und andere schwierige Situationen gemeistert haben.  Das Bewusstsein sowie der Glaube an die eigene Kreativität und Stärke sind ein sicheres Fundament, das gerade in der aktuellen Situation so wichtig ist. Am Ende dürfen wir nicht die Augen davor verschließen, welche innere Erfüllung es bedeuten kann, einen der schönsten Berufe der Welt ausüben zu dürfen, auch wenn einem phasenweise vielleicht einmal nicht danach zumute ist.

 

Kernsatz: „Wir sind alle Unternehmer, die gelernt haben, auch schwierige Situationen zu meistern.“