Getrieben von der Sorge um den Klimawandel stellen sich immer mehr Menschen die Frage, für welche Produkte, Dienstleistungen, Handlungen oder Verhaltensweisen (z.B. Urlaub machen) es vertretbar ist, endliche Ressourcen zu verbrauchen. Die Fragen sind wichtig, richtig und berechtigt. In der Produktion von Zierpflanzen verbrauchen wir Ressourcen. Wir müssen uns die kritischen Fragen zur Notwendigkeit des Ressourcenverbrauchs gefallen lassen! Aber müssen wir in die Defensive? Nein, mitnichten. Wir müssen nur verstehen, welchen Wert Zierpflanzen für uns Menschen haben und wir müssen es erklären können.
Die Kultur von Zierpflanzen gibt es nachweislich seit etwa 1580. Vorher wurden schöne Pflanzen nur ‚gesammelt‘. Was zeichnet denn speziell eine Zierpflanze aus? Nun, versuchen wir eine Definition: Zierpflanzen sind Kulturpflanzen, die nicht als Nahrung oder Rohstoff dienen. Sie werden züchterisch bearbeitet und angebaut, um uns zu erfreuen. Aha – um uns zu erfreuen – da ist der Knackpunkt. Kein Nutzen – nur Freude. Darf man dafür Ressourcen verbrauchen? Auch wenn es banal klingt, aber das ist die Kernfrage, über die ich nachdenken möchte.
Zierpflanzen sind ein Teil unserer Kultur – nicht nur gekennzeichnet durch ihre rituelle Nutzung z.B. bei Beerdigungen oder als Liebesbeweis - alleine die Tatsache, dass wir es uns erlauben, Schönheit der Schönheit wegen zu akzeptieren, zeugt von kultiviertem Leben, von Kultur. Der Kommentar heißt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Das heißt, dass es auch noch Dinge gibt, die wir brauchen, um zu überleben, nicht nur Nahrung. Dazu gehört Kultur mit all ihren Facetten. Der Wert von Kultur ist uns während der Corona–Zeit wieder viel deutlicher geworden. Musik, Tanz, Theater, Kunst – sie sind ein Teil unserer kulturellen Identität. Schmuck, Parfum, Mode, Urlaub, Haustiere, Dekoartikel – verzichtbar, aber auch sie sind Teil unserer kulturellen Identität. In die gleiche Kategorie fällt die Zierpflanze! Ich nenne die eben genannten Dinge einfach einmal „Teile unserer Lebensfreude“! Man kann versuchen, ihnen einen Zweck, einen Nutzen zuzuschreiben, man darf sie aber auch einfach nur schön finden und genießen. Das macht einen Teil eines lebenswerten Menschseins aus. Manchmal ist es ein Wert in sich, ohne erkennbarer Zweck zu sein.
Im Zierpflanzenbau entwickeln sich seit vielen Jahren aus einer ehrlichen Verantwortung heraus Strategien zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs. Energieeinsparung, Torfreduktion, Ersatz von Plastik, Wasserersparnis – alles rückt in den Vordergrund. Beim Torfersatz spüren wir den politischen und gesellschaftlichen Druck sehr deutlich. Und nun kommt erneut, die eine, die wichtige und für mich entscheidende Frage, die sich der Zierpflanzenbau gefallen lassen muss: Darf man Ressourcen für Dinge verbrauchen, die keinen essenziellen Nutzen, keinen Zweck haben? Nur weil wir sie schön finden? Ja, man darf! Diese Trennung von Nutzen und Schönheit sind ein Teil unserer kulturellen Identität.
Gerade die letzten Monate, in denen Corona uns im Griff hatte, haben gezeigt, dass diese kulturellen Aspekte zu einem lebenswerten Leben gehören. Sie fehlen uns, die Konzerte, die Ausstellungen, Kino, Urlaube – aber was nicht fehlte, waren Blumen! Gefragt wie lange nicht mehr, ein Stück vom Glück. Stay at home – aber nur mit Pflanzen. Einerseits brauchen die Menschen unsere Produkte in ihrer von Corona erzwungenen Einsamkeit mehr denn je, andererseits fallen Absatzwege weg aufgrund von Einzelhandelsschließungen oder nicht stattfindenden Veranstaltungen. Das bringt einige Gärtner in Schwierigkeiten. Wie gerne würden wir ohne Hindernisse unser Kulturgut, unsere Zierpflanzen zu unseren Kunden bringen, ohne existenzgefährdende Betriebsschließungen.
Ja, man darf, sagte ich gerade, aber verantwortungsbewusst! Nun ist es an der Zeit, die Belastung der Umwelt durch die Produktion von Zierpflanzen ehrlich und transparent zu bewerten, z.B. durch die Berechnung des CO2-Fußabdrucks. Danach ist es die individuelle Entscheidung eines Kunden, was ihm die Pflanze wert ist, ob es ihm etwas wert ist. Um diese Entscheidung werden wir alle zukünftig noch weniger herumkommen, als bisher. Das gilt nicht nur für den Kauf von Zierpflanzen, das gilt auch für Urlaube, Mode, Fleischkonsum, Individualverkehr und so weiter. Corona hat vielen den Wert unserer Produkte wieder nähergebracht – sie sind systemrelevant!
Wenn wir uns der Verantwortung an dem Ressourcenverbrauch bewusst sind, wir alle Anstrengungen unternehmen, immer besser zu werden, wir verstehen, dass die Produktion und Nutzung von Zierpflanzen ein schützenswertes Kulturgut sind, und das allgemeine Leben endlich zur Normalität zurückkehren kann, dann haben wir gute Karten.
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„Corona hat vielen den Wert unserer Produkte wieder nähergebracht – sie sind systemrelevant!“