Bodensee-Obstbauern beklagen bei Hofgespräch schwierige Situation „Pflanzenschutz im Obstbau“

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Rund 80 Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Industrie und Berufsstand nutzten am 2. Mai das Treffen auf dem Obsthof Heilig zum intensiven Austausch. Dabei machten die Obstbauern deutlich, wie angespannt die gegenwärtige Situation für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln schon ist und wie schwierig die Zukunft werden könnte, wenn die Vorschläge der EU-Kommission in vorliegender Fassung umgesetzt werden.</br>Foto: Obst vom Bodensee

Am 02.05.2023 lud die Obstregion Bodensee e.V., der berufsständische Fachverband der Obstbauern am Bodensee, der rund 1 000 Obstbauern mit etwa 9 000 ha Anbaufläche vertritt, in Zusammenarbeit mit dem Industrieverband Agrar (IVA) zu einem Gespräch zur aktuellen Situation im Obstbau ein. Mit dem Gespräch wollten die Obstbauern mit Unterstützung des  Kompetenzzentrums für Obstbau in Bavendorf (KOB) gegenüber Politikern aus Land, Bund und Europa auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen, die geprägt ist von geplanten EU-Verordnungen zur Eingrenzung der Landwirtschaft in Schutzgebieten, dem Wegfall von Pflanzenschutzmitteln und der Erhöhung des Mindestlohns.

Der Obsthof von Thomas Heilig bot dazu den äußeren Rahmen, um  Vertretern aus Politik, Verwaltung und Presse einen direkten Einblick in die Abläufe auf einem Betrieb zu ermöglichen, sowie anhand von Präsentationen  die Situation zu verdeutlichen und Fragen zu beantworten. 80 Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Industrie und Presse sowie einige Obstbauern nutzten diese Gelegenheit zum Austausch.

Gesetzesvorschlag: Anbau von Sonderkulturen wäre massiv beeinträchtigt

Der Hauptkritikpunkt der Obstbauern war die geplante EU-Verordnung zur Eingrenzung des Pflanzenschutzeinsatzes in Schutzgebieten, die sogenannte Sustainable Use Regulation (SUR), auch green deal genannt. Der Gesetzesvorschlag sieht insbesondere vor, dass die Einsatzmenge und die Risiken von Pflanzenschutzmitteln (PSM) um 50 % bis 2030 reduziert werden sollen. Außerdem soll ein Totalverbot für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in sogenannten sensiblen Gebieten wie z.B. Wasserschutzgebieten, Naturschutzflächen, Flora Fauna Habitat Gebieten o.ä. erfolgen.

Von dieser geplanten Regelung wäre vor allem der Obstbau betroffen. Auswertungen der Bundesfachgruppe Obstbau zufolge liegen etwa 37 % der dadurch betroffenen Flächen in Deutschland in Schutzgebieten. Besonders prekär ist hier die Situation am Bodensee. Durch die naturräumliche Struktur gibt es hier zwangsläufig überdurchschnittlich viele Schutzgebiete, initiiert auch,  um das Landschaftsbild für Tourismus und Erholung zu erhalten. Doch ist es ja gerade diese schützenswerte Kulturlandschaft, die durch die landwirtschaftliche Bewirtschaftung erst entstanden ist. So wurde beispielsweise  bereits im Mittelalter in Überlingen auf einer Fläche von über 270 ha Weinbau betrieben.

Viele Betriebe würden Existenz verlieren

Der Verzicht auf Bewirtschaftung dieser Flächen hätte zwangsläufig nicht nur den Verlust gewachsener Kulturlandschaft, sondern auch den Verlust der Existenz vieler der hier ansässigen meist kleinstrukturierten Familienbetriebe zur Folge.

Bereits 2019 wurde in Baden-Württemberg im Rahmen des Volksbegehrens „Rettet die Biene„ erkannt, dass eine Umsetzung dieser Forderungen in Hinblick auf die heimische Produktion und die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln unsinnig wäre. In dem vom Landtag verabschiedeten Biodiversitätsstärkungsgesetz wird daher auf Anreize statt Ordnungsrecht gesetzt.

Ins Leben gerufen wurde im Rahmen dieser Initiative  auch das seit Ende 2021 laufende und vom MLR geförderte Projekt „Nachhaltige Produktion – Echt Bodenseeapfel“ der Obstregion Bodensee e.V. mit dem Ziel der nachhaltigen Weiterentwicklung des Obstanbaus am Bodensee.

Doch auch dieses Gesetz, das der Minister für den ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Peter Haug, MdL, als Vorbild für den Bund ansah und für dessen Zustandekommen er den Bauern und ihren Berufsständen im Juli 2022 ausdrücklich dankte, ist durch die geplante EU-Umsetzung des „green deals“ in Gefahr.

Mit integrierter Produktion schon viel erreicht

Diese Existenzbedrohung auf der einen Seite und die Schärfung des Bewusstseins für das, was in der integrierten Produktion in den letzten Jahrzehnten alles erreicht wurde und was weiterhin möglich ist, waren Anlass für die Vorsitzenden der Obstregion Bodensee e.V., Thomas Heilig (Bavendorf) und Erich Röhrenbach (Immenstaad), zur Einladung zu diesem Treffen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Andreas Ganal, den Geschäftsführer der Obst vom Bodensee, stellte Gastgeber Thomas Heilig zunächst seinen Betrieb vor. Der Obstbauer betreibt auf dem ehemals traditionellen Landwirtschaftsbetrieb seiner Eltern seit 1987 einen Erwerbsobstbau mit 15 ha Äpfeln, je 3 ha Kirschen und Zwetschen und 1 ha Birnen. Er beliefert die Markthalle in Ravensburg und betreibt in Ravensburg einen Wochenmarktstand. Zudem ist er an einer GbR beteiligt, über die Clubsorten vertrieben werden, und an einer weiteren, in der Bio-Äpfel für einen großen Babynahrungshersteller produziert werden. Allein diese Konstrukte mögen verdeutlichen, wie aufwendig es ist und wie breit man sich aufstellen muss, um in der heutigen Zeit einen Betrieb wirtschaftlich führen zu können. Von seinen beiden Söhnen wird Thomas Heilig tatkräftig unterstützt. Sein ältester Sohn studiert Gartenbau in Weihenstephan, um den Grundstein für eine erfolgreiche Betriebsweiterführung in Zukunft legen zu können. Zudem ist der Obsthof Heilig Ausbildungsbetrieb.

Pflanzenschutz hat sich stark gewandelt

Heilig machte deutlich, wie sehr sich der Pflanzenschutz in den letzten Jahrzehnten gewandelt habe, weg von festen Terminbehandlungen mit breitwirksamen Mitteln mit einem breiten Wirkungsspektrum, hin zum Einsatz selektiv wirkender Mittel, die erst beim Überschreiten von Schadschwellen eingesetzt werden. Auch beklagte er, dass für den Rückgang an Biodiversität ausschließlich der chemische Pflanzenschutz als Verursacher ausgemacht wird, während bedeutende Faktoren wie Verkehrszunahme, Flächenverbrauch, Lichtverschmutzung oder die Zunahme des Mobilfunks als Verursacher nicht  herangezogen werden.

Netze verhindern Abdrift

Sein Vorstandskollege Erich Röhrenbach aus Immenstaad, ebenfalls aus einem traditionellen Familienbetrieb stammend, den er vor 25 Jahren von seinem Vater übernahm und dem er 2003 Ferienwohnungen als ein weiteres Standbein angliederte, war der nächste Redner. Röhrenbach berichtete, dass der Pflanzenschutzmitteleinsatz in den zurückliegenden Jahren stark reduziert wurde und nicht mehr als unbedingt notwendig eingesetzt werde. Darüber hinaus werden alle technischen, biotechnischen und biologischen Maßnahmen eingesetzt, um den Einsatz auf das nötige Minimum zu begrenzen. So sei es gelungen, mit neuer Düsentechnik die Abdrift um 95 % zu verringern. Zudem stellte er die seit 2022 eingesetzten Netze zur Vermeidung von Abdrift vor, durch die benachbarte Kulturen, Grünstreifen oder Wege wirkungsvoll vor einem Eintrag von Spritzgut geschützt werden können. Bei einer Demonstration am Nachmittag konnten sich die Besucher von der Wirksamkeit dieser Netze vor Ort selbst überzeugen.

Verbote sind der falsche Weg

Dr. Christian Scheer vom Kompetenzzentrum Obstbau Bavendorf (KOB) berichtete über Pflanzenschutzmaßnahmen aus behördlicher Sicht und betonte, dass Verbote der falsche Weg zur Problemlösung seien. Er beklagte, dass bei der ständigen Verfügbarkeit von Obst und Gemüse und angesichts immer voller Regale im Lebensmitteleinzelhandel ein Bewusstsein für die Produktionsbedingungen und ein Verständnis für Pflanzenschutz in der Bevölkerung verloren gegangen sei. Dr. Scheer sieht den chemischen Pflanzenschutz als Brückentechnologie und verwies darauf, dass bereits seit Jahrzehnten in der Integrierten Produktion auch biologische Verfahrensweisen zum Einsatz kommen. Dies erläuterte Dr. Scheer am Beispiel der Bekämpfung des Apfelwicklers mittels Granuloseviren und der Verwirrung durch Pheromone. Gleichzeitig verwies er aber auch auf die ständig neuen Herausforderungen,  die an den Pflanzenschutz aufgrund von Klimawandel  und dem Auftreten neuer Schaderreger und invasiver Insektenarten gestellt werden.

Schärftes Pflanzenschutzgesetz weltweit

Frank Gemmer, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes Agrar, verwies darauf, dass das EU-Pflanzenschutzmittelgesetz das schärfste weltweit sei. Durch den Rückgang der Wirkstoffe von ursprünglich rund 900 vor zehn Jahren auf nunmehr 400 und 150 bis 2030 werde es keine ausreichende Anzahl an PSM-Wirkstoffen mehr in vielen Kulturen geben. Dies hätte zur Konsequenz, dass in einzelnen Kulturen ein Abwandern der Produktion ins nicht EU-Ausland zu befürchten sei. Dort werde dann auf einem niedrigeren Standard als bei uns produziert. Schon aktuell wird in vielen Bereichen bereits nur noch mit Notfallzulassungen gearbeitet, im Obstbau sind es bereits 52 % aller Indikationen. Diese Tatsache ist für die Hersteller kein Anreiz, hier weiter zu investieren und  bietet ihnen damit auch keinen Spielraum mehr zur Finanzierung von Innovationen. Das Fehlen von Wirkstoffen führe unweigerlich zur Ausbreitung von Resistenzen. Von der Gesetzgebung forderte der IVA-Geschäftsführer klare Rahmenbedingungen, um den Wirkstoffverlust aufzuhalten. Die hohen Zulassungshürden würden auch die biologischen Pflanzenschutzmittel betreffen.

Massive Kritik übte IVA-Geschäftsführer auch am Verordnungsentwurf der EU zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, Sustainable Use Regulation (SUR). Eindrucksvoll ist eine Europakarte, in der die schützenswerten Flächen in Europa, für die SUR gelten soll, dargestellt sind. Neben Grönland fällt hier besonders Deutschland auf. Was zunächst als begrüßenswert erscheinen mag, da es zeigt, dass Umwelt und  Landschaftsschutz in Deutschland schon lange ein hohes Gut sind, erscheint auf den zweiten Blick doch sehr bedenklich, da es eindrucksvoll verdeutlicht, wie sehr schon auf EU-Ebene mit unterschiedlichem Maß gemessen wird.

Der Landwirtschaftsstandort Deutschland wäre - wenn diese Kriterien zum Tragen kommen - deutlich benachteiligt gegenüber all den Staaten, die weniger kritische Richtlinien vorgeben. Eine Umsetzung dieser Richtlinie würde daher zwangsläufig zu einem Ausverkauf der deutschen Landwirtschaft führen.

In der anschließenden Diskussion sagte Ulrike Müller, Freie Wähler Bayerns, und seit 2014 für die EDP als Abgeordnete im Europaparlament, dass sie diese Vorlage im Agrarausschuss blockieren werde.

Nach einer Pause bestand dann die Möglichkeit, sich in kleineren Gruppen über bereits Erlangtes im integrierten Pflanzenschutz zu informieren. So stellte Dr. Scheer einfache, nicht chemische Pflanzenschutzmaßnahmen wie Pheromon Dispenser, Fallen für die Kirschessigfliege zum Selbermachen oder Ohrwurm-Nisthilfen und ähnliches vor.

Erich Röhrenbach stellte ein Wildbienenhotel mit unterschiedlich großen Schlupflöchern für verschiedene Arten vor und berichtete, wie er durch das gezielte Ausbringen von zunächst einigen Tausend Wildbienen und ein erst später durchgeführtes Mulchen der Grünstreifen die Population deutlich erhöhen konnte.

Mehr Weitblick und Fachwissen erforderlich

Die Diskussionen und Präsentationen zeigten auf, wie zahlreiche Neuerungen zur Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes und zur Förderung der Artenvielfalt bereits umgesetzt werden und gute Praxis sind. Andererseits wurde aber auch deutlich, dass eine Züchtung und Etablierung neuer resistenter Sorten nicht von heute auf morgen umzusetzen ist und Zeit benötigt. Statt Verboten und Reglementierungen sind mehr Fachwissen der politisch Verantwortlichen sowie Zeit und Weitblick in Gegenwart und Zukunft gefragt.

Pandemie, Kriege und Lieferkettenengpässe sollten uns eigentlich gelehrt haben, wie unverzichtbar eine heimische, regionale Produktion von Lebensmitteln ist. In Deutschland sind wir in der glücklichen Lage, dies auf höchstem Niveau leisten zu können. Es gibt in Deutschland eine lange Tradition landwirtschaftlicher Forschung und Entwicklung, die es sowohl durch die Hochschulen als auch durch die Julius Kühn-Institute ermöglicht, dass neueste Erkenntnisse auf diesem Gebiet direkt an die Praxis weitergeleitet werden. Landwirtschaftliche Technologiezentren und Beratungsdienste der Länder und Kompetenzzentren, wie das KOB, ermöglichen die rasche Umsetzung neuer Erkenntnisse in die Praxis.

Wir verfügen über eine gewachsene Struktur, mit der wir in Deutschland auf diesem Gebiet zur Weltspitze gehören und um die uns viele Länder beneiden, auch in Europa. Unsere jungen Obstbäuerinnen und Obstbauern gehören zu den am besten ausgebildeten, technisch hervorragend ausgestatteten und vernetzten überhaupt. Wenn jemand in der Lage ist, eine Landwirtschaft 4.0 praktisch umzusetzen, dann sie - ein Potential, auf das wir nicht leichtfertig verzichten sollten. Der Gesetzgeber ist daher dringend gefordert auch in der Landwirtschaft Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Weiterbestand, gerade von klein strukturierten Familienbetrieben, ermöglichen und eine Abwanderung von Know-how und Fachkräften verhindern können.  

Armin Weiß

Artikel aus Gartenbau-Profi 06/2023