Vielen Obstbetrieben ist die vergangene Kernobstsaison noch sehr präsent. Hohe Erntemengen europaweit, manchmal schwache Qualitäten und deutlich zu niedrige Preise lautete das Ergebnis kurz zusammengefasst. Doch in dieser Saison scheint es besser zu laufen. Philip Wißkirchen bewirtschaftet in Form einer GbR den Obsthof Wißkirchen in Meckenheim-Ersdorf, einen Betrieb, der auf den Anbau von Kernobst spezialisiert ist. Der Gärtnermeister im Obstbau ist auch Vorsitzender der Kreisfachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg und spricht häufig mit klaren Worten in der Öffentlichkeit aus, was er und seine Berufskollegen denken.
In Gesprächen zwischen Kollegen, mit der Politik, Beratern oder auch im persönlichen Umfeld wurde und wird immer wieder die Frage aufgeworfen, wie es wohl weiter gehen soll in den Betrieben und wie die Zukunft aussieht. Der Verlauf der zurückliegenden Kernobstsaison hat in zahlreichen Betrieben seine Spuren hinterlassen. Dabei darf nie vergessen werden, dass es immer Menschen sind, die hinter den Betrieben stehen, mit ihrem Engagement, ihrem Traditionsbewusstsein, ihrem Verständnis für Pflanzen und Umwelt und nicht zuletzt mit ihrer Innovationskraft.
Philip Wißkirchen führt den Betrieb in dritter Generation, seine Eltern arbeiten noch mit und seit Januar 2023 unterstützt ihn ein fester Mitarbeiter bei der Bewirtschaftung: Auf 32 ha Fläche werden Äpfel und auf 4 ha Fläche Birnen angebaut. Während der Saison sind bis zu 25 polnische Saisonarbeitskräfte im Betrieb beschäftigt, sie wohnen auch dort. Auf den Anbauflächen liegen z. T. sehr unterschiedliche Bodenverhältnisse vor, die von oft schweren, tonhaltigen Böden mit guter Wasserhaltefähigkeit und bis zu 100 BP bis hin zu steinigen Böden in Waldnähe reichen.
„Unzureichende Niederschläge bzw. deren Verteilung über die Saison sind immer wieder eine Herausforderung“, bestätigt Philip Wißkirchen und fügt hinzu: „Die Region Altendorf/Ersdorf wird von mir auch als die Toskana des Rheinlands bezeichnet.“ Bei allen Nachteilen, die eine unzureichende natürliche Wasserversorgung mit sich bringt, gibt es aber auch Vorteile, denn die Region wird häufig – allerdings nicht immer – von Hagel verschont. Bewässerung ist also ein wichtiges Thema bei den Obstbauern in der Region. Natürliches Grundwasser ist kaum vorhanden und so muss die Trinkwasserversorgung genutzt werden. Mit dem Bau von zwei neuen Speicherbecken (s. Ausgabe 7/23), die in Gemeinschaft errichtet wurden, verbessert sich die Situation wesentlich. Jetzt können im Betrieb Wißkirchen ca. 50 % der Flächen bewässert werden, in der Regel per Trofbewässerung, 8 ha werden mit einer Überkronenberegnung ausgestattet, die auch zum Frostschutz genutzt werden kann.
Keine guten Erinnerungen an Saison 2022/2023
Ähnlich wie die meisten seiner Kollegen, hat Philip Wißkirchen keine besonders guten Erinnerungen an die Saison 2022/2023. „Hohe Erntemengen, aufgrund einer langen Hitzeperiode im Sommer z. T. Probleme mit der Qualität der Früchte, und mit Blick auf die Kosten viel zu niedrige Preise“, fasst der Betriebsleiter zusammen. „Wir haben im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie aufgrund von Inflation und 12 € Mindestlohn um fast 30 % teurer produziert, während die Preise für unsere Äpfel um 20 % gesunken sind – das passte einfach nicht zusammen.“
Neben guten Erträgen ist nach Meinung des Fachgruppenvorsitzenden für ihn und seine Berufskollegen die Qualität der Früchte ein besonders wichtiger Faktor. „Wenn die Anlagen zu alt sind, erhöht sich schnell der Aufwand für Schnitt und Pflege – die Tonnagen sind zwar gut, aber die Qualität und Fruchtgrößen stimmen oft nicht mehr – das wirkt sich auf das wirtschaftliche Ergebnis aus. Es war im Obstbau schon immer so, dass es nicht zehn gute Jahre in Folge gab.“
Der Betrieb von Philip Wißkirchen verfügt über 1 100 t Lagerkapazität, 1 800 t wurden aber 2022 geerntet, eine Menge fremdgelagert und geschätzte 50 t `Jonagold´ blieben leider auf den Bäumen hängen, weil sich die Ernte und der weitere Aufwand nicht gerechnet hätte. Traurig, aber dies war die Realität in zahlreichen Kernobstbetrieben in der vergangenen Saison.
Dies hat sich natürlich auch auf die Stimmung in den Betrieben, zusätzlich zu den gesetzgeberischen Vorgaben, den Restriktionen im Pflanzenschutz, der überufernden Bürokratie und einer oftmals kritischen Sichtweise der Gesellschaft niedergeschlagen. Hinzu kommt auch noch die in einigen Betrieben anstehende Frage der Nachfolge. Dass in den meisten Betrieben die Investitionen auf das absolut Notwendige reduziert wurden, war die Folge. Neupflanzungen wurden ebenso verschoben wie Investitionen in Technik. Philip Wißkirchen hat im vergangen Jahr einen Hektar seiner Fläche gerodet, darauf standen `Jonagold´ und `A. Lukas´. Eine Rendite war von diesen Parzellen in den Folgejahren nicht zu erwarten. Die Flächen lagen in diesem Jahr brach, sollen in Kürze aber wieder mit Äpfeln und mit `Xenia´-Birnen bepflanzt werden.
Guter Start in neue Kernobstsaison
Was den Start in die aktuelle Saison betrifft, ist die Situation am Markt nicht mit der vorjährigen vergleichbar. „Außer einem alternanzbedingten Ertrag von nur 60 % bei `Elstar´ und `Boskoop´ haben wir mit unseren weiteren Sorten wie `Gala´, `Pinova´ (Evelina), `Braeburn´ oder `Wellant´ einen Vollertrag in dieser Saison erzielt“, berichtet Philip Wißkirchen. Die Wuchsbedingungen waren nach einer späten Blüte im Frühjahr gut und die Fruchtgröße hat in unserem Betrieb bei den meisten Sorten – bis auf `Braeburn´ (sehr späte Blüte) gestimmt. Auch die Qualität der Früchte ist sehr ansprechend – das sind ideale Bedingungen für einen guten Start in die Saison und wir sind schon bei Frühäpfeln mit `Delbar´ auf eine gute Nachfrage gestoßen.“
Dies hat sich weiter fortgesetzt. Philip Wißkirchen vermarktet seine Äpfel und Birnen über die Erzeugerorganisation Landgard. Alle Sorten sind in der Vermarktung …. „und nicht nur die Nachfrage ist stabil, auch die Preise liegen deutlich über dem Niveau des Vorjahres. Dies ist aber auch unbedingt erforderlich, denn zu Vorjahreskonditionen kann kein Betrieb existieren“, betont der junge Obstbauer. „Wenn man die in den vergangen drei Jahren gestiegenen Kosten betrachtet, dann sind die Preise in diesem Jahr nur zeitgemäß. Auffällig ist, dass sehr viel Ware direkt in unserer Region verkauft wird. Besonders stark werden Foodtainer und Beutelware nachgefragt. Gelegte Ware, eigentlich unser Premiumprodukt, wird immer weniger nachgefragt.“
Dem eigenen Produkt mehr Gesicht verleihen
„Wir bemerken, dass Einzelhandelsunternehmen in dieser Saison besonders auf Regionalprogramme setzen, was bei 20 Mio. Verbrauchern vor der Haustür auch kein Wunder ist“, sagt Wißkirchen. „Ist die Preisdifferenz zu Importen aber zu groß, dann spielen unsere hohen Qualitäts- und Produktionsvorgaben immer weniger eine Rolle. Deshalb müssen wir ganz genau bei einem globalen Produkt wie dem Apfel oder der Birne beobachten, was in der Welt geschieht und dem eigenen Produkt noch mehr Gesicht verleihen.
Wir erzielen in Deutschland mit Äpfeln vielleicht einen Ertrag von 40-60 t/ha. In Neuseeland erzielt man 150 t/ha, aber das Produkt muss um die halbe Welt verschifft werden. Dabei können wir das gleiche Produkt auch direkt vor der Haustüre produzieren. Kann dieser weite Transport Ziel unserer Gesellschaft sein? Ich denke Nein. Wir sollten uns viel mehr darauf besinnen, was wir können und unsere Leistungsfähigkeit herausstellen, in einer Region, in der 20 Mio. Verbraucher leben – das gibt es nirgendwo anders in Europa.“
Thomas Kühlwetter
(Artikel aus GP 12/23)