Anbausysteme für Süßkirschen - Schlank, schräg oder flach?

MODERN

Peter Hilsendegen erläuterte auf dem Kirschentag in Oppenheim die Vor- und Nachteile von verschiedenen Baumerziehungsformen<br>Foto: Valenta

Beim diesjährigen Kirschentag des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR), der Mitte Juni in Oppenheim stattfand, stellte Peter Hilsendegen unterschiedliche Erziehungssysteme für Süßkirschen vor.

Hauptziel der meisten „modernen“ Erziehungssysteme ist die vereinfachte Ernte in Kombination mit einer hohen Pflückleistung – dafür müssen die Früchte vom Boden aus, innerhalb einer Armlänge, erreichbar und zudem ausreichend groß sein. Auf der Versuchsfläche des DLR in Oppenheim stehen z.B. Bäume als Spanisch Busch, Spindel, Super Schlanke Achse oder Bibaum. Außerdem werden Wuchsverhalten, Baumgesundheit und Ertragsparameter noch bei Schrägspindel, Fruchtwand und Kym-Green-Bush untersucht.

SSA mit schnellem Ertrag

Bei einer Dichtpflanzung wie mit der Super Schlanken Achse (SSA), bei der mit 3 x 0,5 m Abstand gepflanzt wird (6000 Bäume/ha) sollen regelmäßige Erträge in guter Qualität erreicht werden. Diese sind bei einem System mit so hohen Investitionskosten auch extrem wichtig. In Oppenheim wird das Erziehungssystem an `Ferrovia´, `Kordia´, `Regina´ und `Axel´ getestet. Aufgepflanzt wurden diese 2013, der Versuch läuft noch bis nächstes Jahr. Anhand der bisherigen Ergebnisse kann man sagen, dass die Bäume bereits im zweiten Jahr ihren Vollertrag erreichen und sehr gute Qualitäten produzieren. Die Früchte wachsen vor allem am einjährigen Holz, weshalb es nur ganz selten zu dichten Büscheln kommt. So können sich die einzelnen Früchte gut entwickeln.

„Nach vier Jahren - ohne starke Frostschäden wohlgemerkt - macht sich die Investition durch den schnellen Ertragseintritt bezahlt“, resümierte Hilsendegen. Er gab aber auch zu bedenken, dass ein so teures Anbausystem vor allem für Neuheiten oder eine sichere Vermarktung geeignet sei.

„Bei der Super Schlanken Achse muss vor allem der Schnitt im Frühjahr sitzen – und das ist mehr eine organisatorische als eine fachliche Herausforderung. Worauf man dabei achten muss, ist schnell erklärt. Aber das mögliche Zeitfenster ist sehr eng“, so Peter Hilsendegen. Bis zum Blühbeginn kann dieser Schnitt gemacht werden. Blüten- und Blattknospen müssen sich deutlich unterscheiden lassen. Pro Blütenbüschel muss mindestens eine Blattknospe am Baum bleiben, im mittleren Baumbereich sollten es zwei und im unteren drei sein. Im Sommer erfolgt dann ein einfacher Formschnitt, z.B. mit der Heckenschere. „Man muss das jedes Jahr konsequent machen“, ermahnte Hilsendegen. „Voraussichtlich 15 Jahre kann man eine solche Anlage bewirtschaften.“

Baumformen im Vergleich

Um für die seit 2016 verstärkt gepflanzte Sorte `Henriette´ Empfehlungen für die optimale Erziehungsform geben zu können, wurden 2017 in Oppenheim 112 Exemplare aufgepflanzt. Diese werden in verschiedenen Formen erzogen bzw. geschnitten: Fruchtwand, Schrägspindel, Spindel, Flachkrone und Kym-Green-Bush. Bei der Schrägspindel werden Knipbäume im 45°-Winkel an ein Drahtgerüst gepflanzt, die Ausrichtung sollte Nord-Süd-geneigt sein. Das Joch dient unter anderem dazu, die Äste oben zu halten, damit sich auch die Basis der Bäume gut entwickelt.

Peter Hilsendegen stellte auf dem Kirschentag erste Ergebnisse des Versuchs vor: Die kumulierten Erträge von 2018-2020 sind bei `Henriette´ in der Schrägspindel mit knapp 13 kg/Baum am höchsten; danach folgen Spindel und Fruchtwand mit ca. 10,5 kg/Baum, Die Flachkrone mit 6 kg/Baum und der Kym-Green-Bush mit ca. 1,5 kg/Baum. Ungefähr die gleiche Reihenfolge ergibt sich bei der Vergleichssorte `Samba´, lediglich die Spindel liegt hier vor der Fruchtwand (und hinter der Schrägspindel). Die Erträge aus dem ersten Erntejahr sind vor allem bei `Henriette´ in den Varianten Fruchtwand und Schrägspindel deutlich über den anderen Erziehungsformen und über den Ergebnissen von `Samba´.

Betrachtet man die Flächenerträge, ist die Fruchtwand mit über 20 t/ha (kumuliert 2018-2020) der eindeutige Sieger in beiden Sorten. Schrägspindel und Spindel liegen bei beiden Sorten im Mittelfeld – mit Erträgen zwischen 11 und 13 t/ha; deutlich dahinter liegt die Flachkrone mit ca. 5 t/ha und das Schlusslicht bildet der Kym-Green-Bush.

Bei der Auswertung der Größenverteilung finden sich die Kirschen >28 mm vor allem bei der Variante Fruchtwand (in beiden Sorten), dann folgen Spindel und Schrägspindel sowie der Kym-Green-Bush, der bei `Henriette´ noch einen ähnlich hohen Anteil wie die Flachkrone liefert, aber bei `Samba´ deutlich darunter liegt.

Peter Hilsendegen fasst seine Eindrücke so zusammen:

  • Fruchtwand: 2 000 Bäume/ha (höhere Erstellungskosten als bei Standard-Variante); höchste Anfangserträge je Hektar; gute Fruchtgröße; Ernte mit Leiter und Pflückschlitten; mechanischer Schnitt vor der Blüte oder ab August plus jährlicher Korrekturschnitt im Winter; im ersten und zweiten Jahr sorgfältige Formierung (Binden) und keinen mechanischen Schnitt; langfristige Beherrschbarkeit von Köpfen und Grundgerüst ist noch fraglich
  • Schrägspindel: Höhere Erstellungskosten als bei Spindelanlage, Joch sinnvoll; höhere Anfangserträge im Vergleich zur Spindel; Fruchtgröße kann abfallen, mit verstärktem Fruchtholzschnitt kann man dagegen arbeiten; gute Beherrschung der Köpfe; optimale Kombination aus Sorte, Standort und Unterlage ist entscheidend.
  • Spindel: Erträge im Mittelfeld der getesteten Baumformen; gute Fruchtgröße; einfache Erziehung; Ernte mit Leiter und Pflückschlitten; nur beste Baumqualitäten sind geeignet; bei sehr produktiven Sorten (z.B. `Henriette´) und/oder schwachwüchsigen Bedingungen sehr tiefen Pflanzschnitt (ggf. zweimal hintereinander) durchführen; wichtig ist ein Gleichgewicht zwischen Kopf- und Grundgerüstwachstum.
  • Flachkrone: Flächenerträge bisher im unteren Bereich der geprüften Baumformen; nur mäßige Fruchtgröße; kräftiges, permanentes Grundgerüst ist Voraussetzung; durch dessen Aufbau büßt man in den Anfangsjahren Ertrag ein; Ernte vom Boden aus; auf bestimmten Standorten bzw. mit schwachwüchsigen Sorten kann GiSelA5 zu schwach sein; geringe Erstellungskosten; durch breite Baumform eher nicht für Überdachung geeignet.
  • Kym-Green-Bush: Bislang die geringsten Erträge der geprüften Baumformen; Fruchtgröße okay; kräftiges Grundgerüst ist Voraussetzung (mindestens zweimal zurückschneiden); durch dessen Aufbau büßt man in den Anfangsjahren Ertrag ein; Wechsel der Gerüstäste alle fünf bis acht Jahre angedacht (dadurch wird weitere Ertragskapazität eingebüßt); am Versuchsstandort zu geringes vegetatives Wachstum; geringe Erstellungskosten; Ernte vom Boden aus; durch breite Baumform eher nicht für Überdachung geeignet.

Marion Valenta